Spreizhosen, Hüftgelenksbandagen –bzw. Orthesen

Der Name „Spreizhose“ hat im wörtlichen Sinn eigentlich nur noch historische Bedeutung. Damit wird heute im deutschen Sprachbereich nahezu jedes Hilfsmittel bezeichnet, das zur Behandlung von Hüftglenkdysplasien eingesetzt wird. Als man noch nicht wusste, was das eigentliche Wesen der Hüftdysplasie ist und welches die „zur Luxation führenden Kräfte“ sind, glaubte man, in Anlehnung an die Spreizstellung im Lorenzgips, nur die Spreizung der Beine könne das Auftreten einer Hüftverrenkung verhindern und nur in dieser Stellung könnten sich die Hüftgelenke normal entwickeln. Zur Vermeidung des Gipsverbandes veröffentlichte daher F. Becker 1952 die erste Spreizhose. Sie führte die Beine in eine komplette „Lorenzstellung“, oder auch „Froschstellung“ genannt. Becker behandelte damit einfache Hüftdysplasien, Subluxationen und auch komplette Luxationen. Sie war sehr starr konstruiert, vermochte u.U. gelegentlich sogar eine Hüftverrenkung auszulösen und im Verlaufe ihrer Anwendung konnte es ebenfalls zu Kopfnekrosen (Durchblutungsstörungen des Hüftkopfes) und Schenkelhalsfehlstellungen kommen, allerdings in deutlich geringerem Umfange. Da man aber glaubte, das alles gehöre zum Wesen der Hüftdysplasie, meinten viele, das hinnehmen zu müssen. Die meisten Anwender nahmen sie aber nur zur Behandlung von Hüftdysplasien. Insgesamt war die „Spreizhose“ aber ein deutlicher Fortschritt. Wegen der erheblichen Starrheit der ersten Spreizhose wurden dann von Ärzten und der Industrie nicht so feste Spreizhosen konstruiert, in denen die Beinchen etwas mehr Bewegungsspielraum hatten. Am Prinzip der Spreizung wurde aber festgehalten.

Durch die Untersuchungen des Verfassers konnte geklärt werden, worin das Wesen der Hüftdysplasie besteht und was „die zur Luxation führenden Kräfte“ sind. (Mit dieser Formulierung umschrieb man bis dahin das Nichtwissen darüber.) Zur Ausreifung der Hüftgelenke ist nur milde Abspreizung – unterschiedlich nach dem Alter des Kindes -, eine Beugung um 90 Grad und darüber sowie die Hemmung der aktiven und passiven Streckung und Anspreizung erforderlich – eben die „Sitz-Hockstellung“. Diese ist der Trageweise der Kinder am Körper der Mutter bei vielen Völkern, bei denen das Leiden sehr selten ist, nachempfunden. Sie wird am besten gesichert durch ein Tragetuch.

Die meisten Bandagen im deutschen Sprachbereich, die sich „Spreizhosen“ nennen, obwohl sie eigentlich „Hockhosen“ oder „Sitzhockhosen“ sind, beruhen auf diesem Prinzip und berufen sich oft auch expressiv verbis darauf. (z.B. die Ideal-Spreizhose nach Prof. H. Mittelmeier und Prof. Dr. R. Graf der Firma POPP und die „Beuge-Spreizschiene COXAFLEX von THäMERT). Die „Tübinger Hüftbeugeschiene nach Dr. Bernau“ der Firma OTTO BOCK nennt es „Hocksitzstellung“. Wenn es nicht ausdrücklich erwähnt wird, so zeigen doch die Abbildungen und Umschreibungen im Text, dass bei uns fast nur noch diese Stellung benutzt wird.

Wem es jedoch sicherer ist, dass er sich direkt an denjenigen hält, der diese Behandlungsmethode ausgebildet und ihre Grundlagen erforscht und erarbeitet hat, der nehme die vom Verfasser selbst entwickelten Bandagen: die „HOCK -HOSE“ bzw. „SQUATTING -PANTS“ nach Dr. Fettweis oder die „HüFT -ROLLE“ oder „HIP-ROLL“ nach Dr. FETTWEIS, die stets den neuesten Erkenntnissen angepasst werden.1 Diese werden hergestellt von der Firma L. KEUSCH 5132 übach-Palenberg..2

1. Die Hüftrolle.
Name und Produkt leiten sich her aus einer einfachen Rolle, die in der Ära vor Einführung der Sonographie und, wenn Röntgenaufnahmen noch keine genügende Aussage versprachen, bei gefährdeten Kindern erfolgreich Anwendung fand. Sie wurde in die Kniekehle gelegt, um die Hüftbeugung zu erhalten. Die jetzige „Hüftrolle" besteht aus einer Art Halbrolle zur weichen Auflage der Beine in Beugung. Ein Steg zwischen den Beinen soll die Adduktion verhindern, sodass die Kinder damit auch einmal auf der Seite liegen können, ohne dass das oben liegende Bein in gefährliche Adduktion geraten kann. Im übrigen ist die Hüftrolle vorwiegend zur Anwendung in Rückenlage gedacht, wobei empfohlen wird, dem Bettchen insgesamt eine leichte Anhebung kopfwärts zu geben, etwa durch eine keilförmige Unterlage der Matratze. Die Unterschenkel kann man zusätzlich durch Kissen oder zusammengelegte Handtücher weich auflegen. Wenn die Beine dazu tendieren, seitlich von der Hüftrolle abzurutschen, legt man zusätzlich einen mitgelieferten Gurt quer um die Oberschenkel. Schultergurte sollen verhindern, dass die Hüftrolle vom Kind fortgestrampelt wird. Die Domäne der Anwendung sind die ersten vier Lebenswochen. Bei geringer Körpergröße kann sie bis zum Alter von acht Wochen gegeben werden. Mit zunehmendem Alter haben die Kinder die Tendenz, die Rolle fortzustrampeln. Man geht dann auf die Hockhose über. Ein entscheidender Vorteil ist die gute Akzeptanz von Seiten der Säuglinge wie auch der Mütter. Die Indikationen sind alle Formen der Hüftdysplasie, nicht aber die luxierten und leicht luxierbaren Hüften. Voraussetzung für die Anwendung, besonders bei den schweren Graden, ist die absolute Verlässlichkeit auf die Mitarbeit der Pflegepersonen bezüglich der ununterbrochenen Beibehaltung der Beugestellung. Bei den schwereren Graden werden engmaschige Sonographie-Kontrollen empfohlen.

2. Die Hockhose.
Diese bringt die Beine in eine Stellung, wie sie der Trageweise der Kinder auf der Hüfte der Mütter bei vielen Völkern entspricht: Hüftbeugung um 90° und Abduktion zwischen 30°. und 40°. Das Gerüst besteht aus Aluminium. Die Beugestellung der Hüftgelenke ist in einem Scharniergelenk verstellbar. Durch einfaches Biegen des Aluminiums kann man den Grad der Abduktion individuell variieren. Die Bandage wird mit Bändern mit Klettverschluss befestigt. Bei der Konstruktion wurde sich möglichst genau an das natürliche Vorbild gehalten: die Kniegelenke bleiben frei, die Gurte an der Innenseite der Oberschenkel sind weich, analog dem mütterlichen Körper. Die Polster sind leicht auswechselbar. Die Schultergurte sind so an den Oberschenkelschellen befestigt, dass durch ein Hochstemmen im Rumpf die Beugehaltung in den Hüftgelenken nicht verringert sondern eher betont wird. Mit der Hockhose kann das Kind auch gut am Körper getragen werden. Bei der ausschleichenden Behandlung wird in den Hüftgelenken schrittweise eine weitere Streckung freigegeben. Die Hockhose gibt es zur Zeit in drei verschiedenen Größen.Die Indikationen sind die gleichen, wie bei der Hüftrolle, also alle Formen der Hüftdysplasie, nicht aber die luxierten und leicht luxierbaren Hüften

Es gibt allerdings immer noch Bandagen, die auf dem Spreizprinzip beruhen und vor allem im Ausland benutzt werden. Die bekanntste ist die Pavlikbandage. Sie besteht aus Riemenzügeln und strebt eine Lorenzstellung an. Ursprünglich war sie zur Behandlung der kompletten Luxation gedacht. Durch das Strampeln in der Bandage wollte man eine Selbsteinrenkung herbeiführen. Wenn das erreicht war, sollte dann ggf. ein Spreizgips angelegt werden.. Das gelang oft. Später und vor allem heute wendet man sie, allerdings vorwiegend im Bereich der englischsprachigen Literatur, bei einfachen Dysplasien an. Die Zahl der Kopfnekrosen betrug nach den Untersuchungen des Arbeitskreises Hüftdysplasie 7%.

Der Verfasser hat s. Zt. die Pavlikbandage zur Flexionsbandage weiter entwickelt, indem ein querer Gurt um die Oberschenkel die Abspreizung verhindert und ein weiches Polster vorne zwischen den Beinen auch die Anspreizung unmöglich macht. Wegen der Eventualität falscher Anwendung wurde diese Bandage dann verlassen.

Eine weitere Spreizbandage ist der Von-Rosen-Splint. Er besteht als Aluminium und wird den Kindern vom Rücken aus angelegt und schon bei Neugeborenen angewandt Wennauch nicht volle 90° Abspreizung angestrebt werden, so ist doch das Ausmaß derselben unphysiologisch hoch. Auch die Craigbandage beruht auf dem Spreizprinzip. Er wird schon bei Neugeboren, jedenfalls in den ersten Lebenswochen angelegt. Später gab von Rosen 70° Abduktion an, für dieses Alter viel zu viel Hierbei werden die biologischen Gesetzmäßigkeiten für die Entwicklung der Hüftgelenke missachtet. Diese Bandagen sind wahrscheinlich mitschuldig für das Mislingen des britischen Screeningsprogramms

Die beschriebenen Hilfsmittel dienen heute fasst ausschließlich der Frühbehandlung, zumal durch die Sonographie inzwischen eine sehr zeitige Diagnose möglich ist. Zuvor, als erst spätere Krankheitsstadien in Behandlung kamen, hat der Verfasser zusammen mit dem Orthopädiemechanikermeister : Kindler zum Ersatz des Gipsverbandes eine Orthese entwickelt, die ebenfalls die Sitz-Hock-.Stellung ermöglicht. Sie hat Kugelgelenke für die Hüftgelenke, sodass die Stellung der Beine individuell verändert werden kann, die "Otto Bock Luxationsorthese nach Dr. Fettweis/Kindler".

Es gibt noch andere Apparate zur Behandlung der kompletten Luxation, bei denen das Bestreben ist, durch langsamen übergang in Spreizung Schäden zu vermeiden oder keine vollständige rechtwinklige Abspreizung zu verwenden ("mitigierte Lorenzstellung"). Da sind zu nennen der "Hanausekapparat" und die "Düsseldorfer Spreizschiene", die eine Variation des erstgenannten Apparates ist. Dennoch sind diese Schienen dem Spreizprinzip verpflichtet und aus Sicht des Autors skeptisch zu beurteilen.

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